Traditionen sind nicht wichtig

von Andreas Furm
Guides und Späher können mit dem Begriff Tradition wenig bis gar nichts anfangen, für ihre Entwicklung ist es auch ziemlich egal ob ein bestimmtes Ritual schon seit 100 Jahren so ist oder erst seit zwei Wochen existiert. Es ist jedoch nicht egal, ob es in der Gruppe, im Trupp und vor allem in der Patrulle überhaupt Rituale gibt.

Mein persönlicher Zugang

Noch nie habe ich mit einem Thema des PPÖ-Briefes und dem Schreiben eines Artikels zu diesem Thema größere Schwierigkeiten gehabt als diesmal beim Stichwort "Tradition". Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich gerade bei den PfadfinderInnen schon zu viele sinnlose Diskussionen miterlebt habe, wo die verschiedenen TeilnehmerInnen (inkl. ich selbst) den Begriff "Tradition" ziemlich unreflektiert und mit dem jeweils ganz persönlichen Zugang ge- und vor allem missbraucht haben.

"Tradition" ist laut Lexikon die "mündliche Weitergabe von Überzeugungen, Bräuchen, Geschichten, Ritualen etc. von Generation zu Generation", bzw. "Jede lang entwickelte Gewohnheit oder Praxis". Diese Definitionen zeigen schon, dass es die gemeinsame Tradition bei den PfadfinderInnen praktisch nicht geben kann, da die Weitergabe ja in verschiedenen Gruppen, Verbänden und Ländern durch verschiedene Personen geschieht (laut Definition und wie wir aus der Praxis wissen meistens mündlich) und daher auch im Laufe der letzten 100 Jahre überall anderen Veränderungen unterlag. Nur so konnte die PfadfinderInnenbewegung so bunt und vielfältig werden wie sie es heute ist! Andererseits ist natürlich auch ganz klar, dass viele unserer Überzeugungen, Bräuche, Geschichten, Rituale ... gemeinsame Ursprünge haben.

Yin und Yang - Tradition und Veränderung

Tradition und Veränderung stehen aus meiner Sicht im selben Verhältnis wie Yin und Yang – sie gehören zusammen, das eine ist ohne das andere nur schwer vorstellbar. Das Wesen der Tradition ist immer auch die Veränderung, das Anpassen an neue Zeiten, neue Menschen, neue Bedürfnisse und Gegebenheiten.

GuSp und Tradition

Tradition ist für mich eine Hülle, ein Überbegriff für die oben erwähnten Überzeugungen, Bräuche, Geschichten und Rituale (Zeremonien). Ob Tradition wichtig, schlecht oder gut für Kinder zwischen 10 und 13 Jahren - also Guides und Späher – ist, ist keine relevante Frage. Hingegen ist es sehr wohl berechtigt und wichtig zu fragen, ob Überzeugungen, Bräuche, Geschichten und Rituale wichtig, schlecht oder gut für die Guides und Späher sind!

Guides und Späher können mit dem Begriff Tradition wenig bis gar nichts anfangen, für ihre Entwicklung ist es auch ziemlich egal ob ein bestimmtes Ritual schon seit 100 Jahren so ist oder erst seit zwei Wochen existiert. Es ist jedoch nicht egal, ob es in der Gruppe, im Trupp und vor allem in der Patrulle überhaupt Rituale gibt.

Viele Dinge, die uns PfadfinderInnen schon seit Baden Powells Zeiten auszeichnen und begleiten, sind ganz wichtige Elemente, welche die Guides und Späher beim Leben und Lernen bei den PfadfinderInnen unterstützen sollen: kleine Arbeits- und "Lebens"formen (= Patrullen), Erkennungszeichen (= Uniform, Halstuch, Gruß), Rituale (gemeinsamer Heimstundenbeginn, Überstellungszeremonie, Versprechensfeier) und auch Überzeugungen (Versprechen, Gesetz). Dass diese Elemente auch heute noch in keiner GuSp-Patrulle fehlen sollten, hat weniger mit Tradition zu tun, als mit der Tatsache, dass sie auch heute noch die Entwicklung der Guides und Späher fördern können. Guides und Späher brauchen im Rahmen der Pfadfinderidee die oben beschrieben Elemente für ihre Entwicklung und daher muss ich als GuSp-Leiter diese Elemente auch zielorientiert und bewusst einsetzen. Bewusst einsetzen heißt wiederum, diese an die konkreten Bedürfnisse der Guides und Späher und die äußeren Rahmenbedingungen anzupassen, sie zu hinterfragen. Dieses Hinterfragen und Anpassen gilt auch für alle anderen Überzeugungen, Bräuche, Geschichten und Rituale, die sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte in einer Gruppe, einem Truppe, einer Patrulle angesammelt ("eingeschlichen") haben. Jedes einzelne Element hat nur so lange Daseinsberechtigung, solange es den Guides und Spähern weiterhilft. Die Guides und Späher lernen nicht an Hand von Traditionen, sondern an Hand von "Überzeugungen, Bräuchen, Geschichten und Ritualen".

September 2003.