Patrullenrat im Geisterreich

von Inge Langer (LV Wien)
Ein Versuch mehr Abenteuer in das demokratische Gremium der GuSp zu bringen

Patrullenrat - eh alles leiwand

"Mir geht es eh gut." - "Das Programm ist eh lustig." - "Eh alles cool!" - kommen dir solche Aussagen aus dem Patrullenrat bekannt vor? Wenn ich so im letzten Jahr in die Patrullenräte meiner Guides und Späher hineingehorchte, bekam ich immer mehr den Eindruck, dass der Output mehr als dürftig war. Egal welche Reflexionsmethode angewandt wurde, mehr als ein paar Floskeln und ein "Alles leiwand" kam nicht heraus. Die Guides und Späher, und hier vor allem die jüngeren und stilleren, gingen nie wirklich aus sich heraus – eine für mich sehr unbefriedigende Situation, da ich durchaus immer wieder Probleme oder Unzufriedenheiten innerhalb der Patrullen beobachten konnte.

Im Zuge meiner Woodbadgearbeit stieß ich dann auf den Begriff "Life Skills" – der so genannten Lebenskompetenzen. "Lebenskompetenzen sind diejenigen Fähigkeiten, die einen angemessenen Umgang sowohl mit unseren Mitmenschen als auch mit Problemen und Stresssituationen im alltäglichen Leben ermöglichen. Solche Fähigkeiten sind bedeutsam für die Stärkung der psychosozialen Kompetenz." (WHO 1994). Lebenskompetenzen sind nicht angeboren, sondern müssen erworben werden. Eine dieser Lebenskompetenzen ist Kommunikation, das heißt, sich verbal und nonverbal ausdrücken können in einer Weise, die der Situation und der umgebenden Kultur angemessen ist und seine Meinungen und Wünsche, Bedürfnisse und Befürchtungen äußern können, sowie um Rat und Hilfe zu fragen.

Hier lag der Gedanke nahe, dass GuSp im Patrullenrat schlichtweg überfordert sind, da sie nicht die notwendigen Kompetenzen haben, offen ihre Meinung zu sagen und über ihre Bedürfnisse und Befindlichkeiten zu reden. Woher sollten sie diese auch haben? In Schule und Familie wird freie Meinungsäußerung in der Altersgruppe der 10- bis 13-jährigen nicht unbedingt gefördert. Vor allem im schulischen Bereich begreifen Kids sehr schnell, dass ihnen Anpassung das Leben sehr erleichtert. Es besteht also eine Barriere, die verhindert, dass GuSp im Patrullenrat aus sich heraus gehen. Diese gilt es zu überwinden, indem eine altersgemäße Methode gefunden wird, die es den GuSp ermöglicht, sich frei zu äußern.

Eine zündende Idee - Fernsehen bildet

Es ist mir fast ein bisschen peinlich, das hier öffentlich kund zu tun, aber die wirklich zündende Idee zur Lösung meines Patrullenratsproblems, kam mir durch meine Leidenschaft für Fernsehkrimis. Da kommen immer wieder arme Kinder vor, denen Schreckliches widerfahren ist, die aber nicht darüber reden können. Die bekommen dann von den gescheiten Fernsehpsychologen eine Puppe in die Hand gedrückt und siehe da, die Puppe kann alles erzählen und der Fall ist gelöst. Was würde nun passieren, wenn ich den GuSp im Patrullenrat so eine "Puppe" als Tool in die Hand gäbe? Dann müssten sie sich nicht mehr direkt äußern, sondern würden die Puppe für sich reden lassen und könnten damit sozusagen ihre Meinung auf jemanden anderen projizieren und müssten nicht mehr im direkten Gespräch miteinander kommunizieren. Würden sie damit die Kommunikationsbarriere überwinden? Mein Ziel war also, dass die Guides in einem Patrullenrat ihre Wünsche und Bedürfnisse offen aussprechen. Inhalt des Patrullenrats würden die Gesprächsregeln sein und das Thema war die Befindlichkeit der einzelnen Patrullenmitglieder – ein großer Schritt in Richtung Life Skills. Um die "Puppe" einzuführen, brauchte ich noch irgend ein G´schichterl und schon befand ich mich mitten in der GuSp-Methode Abenteuer, die so mit der Methode Patrullenrat verknüpft wurde.

Abenteuer Patrullenrat neu - geistreich im Geisterreich

Ich stellte also unseren nächsten Patrullenrat unter das Motto "Patrullenrat im Geisterreich". Zunächst saßen sich die Guides in Paaren gegenüber und hatten die Hände so gehoben, dass ihre Handinnenflächen einander gegenüber waren, sich aber nicht berührten. Die Guidespaare bekamen die Aufgabe, dass ihre Handflächen gemeinsam die Reise ins Geisterreich unternehmen, ohne sich zu berühren. Dabei durfte nicht gesprochen werden.

Diese Übung dauerte maximal zwei Minuten. Dann begrüßte ich die Guides im Geisterreich, sprach kurz mit ihnen darüber, wie es ihnen dabei ergangen war, sich ohne Worte zu verständigen und leitete dazu über, dass es manchmal auch nicht leichter ist, sich zu verständigen, auch wenn man miteinander reden darf. Deshalb wollten wir heute einen etwas anderen Patrullenrat als sonst machen und statt dessen "Geisterrat" spielen. Heute würden einmal unsere Geister zu Wort kommen. Jedes Guide bekam von mir einen kleinen "Geist" aus weißem Stoff und durfte diesem sein Gesicht aufmalen.

Zuerst mussten wir uns allerdings mit den Regeln des Geisterreichs vertraut machen. So nutzte ich diese Gelegenheit, um die wichtigsten Gesprächsregeln mit ihnen zu erarbeiten und festzuhalten. Bevor wir den eigentlichen Patrullenrat begannen, erzählte ich ihnen noch, dass es im Geisterreich eine etwas merkwürdige Art und Weise gäbe, sich auszudrücken. Geister beginnen immer alle Sätze mit "Ich, der Geist von XYZ", sprechen aber dann die anderen Geister direkt mit "Du, der Geist von ABC" an. Wir haben dann noch ein paar Beispiele besprochen, wie die Geister etwas ausdrücken würden und die Guides haben ziemlich schnell begriffen, wie ihre "Ich-Botschaften" aussehen sollen. Dann führten wir einen im Prinzip ganz normalen Patrullenrat, diesmal aber mit mir als "Obergeist", durch. Nach Ablauf der vereinbarten Zeit bedankte mich für diesen produktiven Geisterrat. Wir verließen das Geisterreich, indem wir uns alle an den Händen nahmen und uns gemeinsam mit geschlossenen Augen im Kreis drehten.

Reflexion - das Fazit aus der Geschichte

Durch die hier gewählte Methode der Projektion wurde den Guides die Möglichkeit gegeben, ihre Meinung freier zu äußern, als es sonst im Patrullenrat der Fall war. Die Diskussion verlief offener und lebhafter. Dadurch, dass sie sich hinter den Geisterpuppen verstecken konnten und sich auch nicht direkt gegenseitig ansprechen mussten, gingen sie wesentlich mehr aus sich heraus. Besonders positiv konnte ich vermerken, dass insbesondere die jüngeren und stilleren Guides auf diese Methode einstiegen und sich wesentlich mehr einbrachten. Und selbst den älteren Guides machte dieser Patrullenrat sichtlich mehr Spaß als sonst.

Ich denke, dass die Verknüpfung von Abenteuer und Patrullenrat eine gute, altersgemäße Methode ist, das Einhalten von Gesprächsregeln zu üben, erste Erfahrungen im Feedback geben und nehmen zu sammeln und insbesondere geeignet ist, junge GuSp in die Methode des Patrullenrats einzuführen.