Patrullenämter und Spezis
Welche Methode ist bei den Guides und Spähern besser geeignet, um die Kenntnisse und Fertigkeiten der GuSp – ihren jeweiligen individuellen Fähigkeiten entsprechend – zu vertiefen? Welche Methode ist besser geeignet, dass sich jedes einzelne Kind seinen Möglichkeiten gemäß weiter entwickelt und sich so intensiver in die Gemeinschaft einbringen kann? Welche Methode wird diesbezüglich gar nicht, selten oder falsch eingesetzt? Auf alle drei Fragen muss man wohl (leider) eindeutig mit "Patrullenämter und Spezialabzeichen" antworten.
Erst Anfang Mai, auf dem GuSp-Methodenseminar des Landesverbandes Wien, wollte ich einen Erfahrungsaustausch bezüglich "Patrullenämter und Spezis" innerhalb meiner Patrulle machen. Doch wie überrascht bzw. bestürzt war ich, als von den acht GuSp-LeiterInnen nur einer in seiner Gruppe Patrullenämter verwendet (von den Kornetten einmal abgesehen). Und selbst dies nur am Sommerlager aus Selbstzweck: "Einer muss ja das Material versorgen, ergo brauche ich einen Materialwart"), ohne sich des Potenzials dieser Methode genauer bewusst zu sein!
Doch worin liegt nun dieses Potenzial oder anders gefragt: warum ist es ein großer Fehler, die Kombination "Patrullenämter und Spezis" gar nicht oder auch nur notdürftig zu verwenden?
- Zunächst einmal wäre da das Werterlebnis, etwas besser als die anderen in der Patrulle zu können. Wie viel Selbstbewusstsein kann es doch schon dem kleinem 10-Jährigen geben, wenn er als Pionier am Patrullenwettkampf eine Aufgabe für seine Patrulle mit Hilfe seiner Spezialkenntnisse lösen kann.
- Durch Patrullenämter fördere ich das Verantwortungsbewusstsein der Kinder. Sie lernen praktisch, dass sie in der Patrulle zwar in einem Gebiet das Recht des "Besser sein" haben (aufgrund von Interesse, Talent, aber vor allem auch durch entsprechende Instruktion und Training in den Heimstunden und auf Lagern), dies aber auch Pflichten mit sich bringt. Denn wer soll schon verantwortlich für diverse Aufgaben sein, wenn nicht der jeweilige Spezialist? Dieses Zusammenspiel von Rechten und Pflichten ist für jegliche Gemeinschaft von immenser Bedeutung und kann durch Spezialisierung den Kindern durchaus begreifbar gemacht werden.
Mit Patrullenämtern kann den GuSp das Prinzip und die damit verbundenen Vorteile der Arbeitsteilung erlebbar gemacht werden. Ihnen wird so bewusst, dass nicht jeder alles perfekt können muss, weil dies ohnehin unmöglich ist. Vielmehr sollen sie sehen, dass sie in Summe als Patrulle mehr leisten, wenn jeder seine Fähigkeiten weiterentwickelt und diese in die Gemeinschaft einbringt. Es dreht sich nicht mehr alles um den Kornetten, sondern jeder hat seine Aufgabe.
Untrennbar miteinander verbunden
Dass Patrullenämter und Spezis untrennbar miteinander verbunden sind, liegt für mich auf der Hand. Denn wenn ich schon durch Patrullenämter die spezifischen Fähigkeiten vertiefen will, so kann ich die Patrullenämter gleich an diverse Spezis anlehnen. So bilden z.B. die Spezialabzeichen "Umweltschutz" und "Tierkunde" die Basis für das Patrullenamt "Umweltspürnase". Oder das Kind hat das Spezi "Signalisieren" als Basis und dann noch zusätzlich entweder "Spurenlesen" oder "Wandern" (bei diesem Amt kann das Kind also selbst entscheiden, in welche Richtung es sich weiter vertiefen will; also eine Spezialisierung in der Spezialisierung).
Nicht nur, dass es inhaltlich sinnvoll ist, Patrullenämter und Spezis zu kombinieren, so sind die Spezis auch hervorragende Mittel für die Kinder, ihr Patrullenamt auch wirklich gewissenhaft auszuüben. So bekommt das besagte Kind am Ende des Sommerlagers die beiden Spezialabzeichen, die es im Zuge von Schulungen sich angeeignet hat, aber vor allem durch praktische Anwendung mit seiner und für seine Patrulle unter Beweis gestellt hat. Das Patrullenamt ist also die Vorstufe (sucht es sich am Anfang des Arbeitsjahres aus) und das Spezialabzeichen bekommt es, wenn es die Anforderungen, die an das Patrullenamt gestellt werden (=Speziinhalte) in der Gemeinschaft erfüllt hat.
Patrullenämter und Spezis sind für mich abhängig voneinander, sind zwei Teile vom selben Stück (Methoden-)Kuchen. Bei einem Kuchen esse ich ja auch nicht nur die eine Hälfte und schmeiß die andere in den Müll. Lassen wir unsere GuSp doch das ganze Stück essen!
Aufwand, der sich auszahlt
Doch genauso, wie wahrscheinlich jeder den bisherigen Zeilen zustimmen wird, ist es offensichtlich, dass die einzelnen Kinder wirklich etwas besser als die anderen können müssen, damit die Vorteile zum Tragen kommen. Doch dazu muss man ihnen einfach die regelmäßige Gelegenheit geben, dieses Können auch zu erwerben und dieses Können muss für die Gemeinschaft wichtig sein. Da reicht es schon vollkommen, wenn man alle sechs bis acht Wochen eine Patrullenämterheimstunde macht, in der die jeweiligen Spezialisten (z.B. alle Umweltspürnasen) unter Anleitung einer Leiterin/eines Leiters ihre Kenntnisse vertiefen und ihre Fertigkeiten verbessern können.
Zugegebenermaßen mag es zu Beginn - bei der Einführung - einen gewissen Aufwand darstellen, da sich die LeiterInnen zunächst einmal die genauen Inhalte für diverse Sezialabzeichen überlegen müssen - unverbindliche Vorgaben gibt es - und wie sie diese didaktisch passend in die Patrullenämterheimstunden einbauen. Doch dieser Aufwand macht sich mehr als bezahlt und ist sicher der richtige Weg, die GuSp näher an das Stufenziel "unter Berücksichtigung der altersgemäßen Entwicklung" und "Aufgaben in seinem Lebensbereich" heranzuführen. Manche Kinder wird man dadurch mehr weiterbringen, andere weniger. Der Erfolg liegt in der Weiterentwicklung eines jeden einzelnen und dafür sollte uns kein Aufwand groß genug sein!
Mai 2004

