Identität und soziales Geschlecht

von Chees Scheiber

Das neu formulierte Stufenziel nennt das Auseinandersetzen mit der eigenen Geschlechtsidentität als eine der Entwicklungsaufgaben der Guides und Späher. Doch was ist (Geschlechts-)Identität eigentlich? Und was begünstigt eine freie Entwicklung der eigenen Persönlichkeit?

Die Identität umfasst das Empfinden der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit der eigenen Person genauso wie das Empfinden der Akzeptanz und Anerkennung durch die soziale Umwelt.

Mein Selbstbild wächst daher auch aus dem Vergleich mit der Umwelt, meinen Begegnungen mit anderen Menschen und den gegenseitigen Zuschreibungen und Verstärkungen. Beziehungsbotschaften von wichtigen Bezugspersonen und Institutionen beeinflussen langfristig und nachhaltig mein Selbstkonzept. Gerade Kids sind noch relativ stark der Etikettierung und Identifikation ausgeliefert. Da junge Jugendliche dazu tendieren, sich in Übereinstimmung mit den Zuschreibungen zu verhalten, erschaffen diese Rückmeldungen (Vorurteile) somit erst eine Realität, fast wie eine selbsterfüllende Prophezeihung. Insbesondere das soziale Geschlecht hat weitreichende Konsequenzen für die Entfaltung unserer Persönlichkeit.

Die Gleichaltrigengruppe bietet Guides und Spähern einen intensiven Übungsraum sich selbst zu entdecken, sich aus eigenem Antrieb zu behaupten, sich klar zu werden, was man will und woran man noch arbeiten muss. So bilden sich nicht nur Interessen, sondern auch Peergroup-spezifische Vorstellungen darüber, wie man sich zu verhalten hat. Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung des Identitätsgefühls ist das Selbstverständnis ein Junge oder ein Mädchen zu sein. Für Kids sind die von den Eltern vermittelten Verhaltensmuster sehr prägend für die Ausformung der altersspezifischen Rollenzuschreibungen. Doch unbewusst sammeln die Kids in dieser Entwicklungsphase ihre Erinnerungen und fügen sie zusammen, um daraus ihre eigene Vorstellung von dem Mann oder der Frau, die sie einmal sein werden, zu formen - eine sensible Phase also. Welche Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung haben wohl folgende Erfahrungen?!

... wenn sich Lehrkräfte in Klassen zuerst die Namen der Jungen merken?

... wenn Burschen mit guten Noten für aufgeweckt und intelligent gehalten werden, Mädchen für ordentlich und fleißig?

... wenn Mädchen in der Klasse für das Soziale, Buben für das Intellektuelle zuständig sind?

... wenn sich Jungen beschweren, benachteiligt zu werden, wenn Mädchen mehr als 33 Prozent der Aufmerksamkeit erhalten?

... wenn Mädchen als "soziale Puffer" missbraucht werden indem sie neben aggressive Jungen gesetzt werden?

Gefunden habe ich diese Fragen im fast noch druckfrischen Buch "100 Jahre Pfadfinderbewegung" der Gruppe Rankweil. Im Kapitel Koedukation fordert Karin Metzler eine Neuausrichtung der Pfadfinderarbeit. Ihr Standpunkt kommt dem Standpunkt des Bundesarbeitskreises für GuSp recht nahe. Dieser erarbeitet zurzeit ein Konzept, wie geschlechterbezogene Pädagogik bei den GuSp gelebt werden könnte. Darunter verstehen wir, dass das GuSp-Programm und die Rahmenbedingungen Mädchen und Buben, Leiterinnen und Leitern, gleiche Möglichkeiten und Chancen zur Entfaltung ihres Potentials einräumen. Es geht darum ein Klima zu schaffen, indem nicht die Geschlechtszugehörigkeit bestimmt welche Talente und Aktivitäten Kids wie LeiterInnen wahrnehmen, entfalten und fördern, sondern ihre Bedürfnisse und die Lust Neues zu entdecken ausschlaggebend sind.

Gleich ist nicht gerecht! Geschlechtergerechtigkeit beinhaltet die symmetrische Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten für Guides und Späher, insbesondere in gemischtgeschlechtlichen Situationen, schließlich die faire Verteilung von Aufmerksamkeit und Zuwendung, von Raum und Zeit und anderer Ressourcen.

Weibliches und männliches Heranwachsen erfolgt verschiedenartig und führt zu einer Chancenungleichheit hinsichtlich der Entwicklungsmöglichkeiten, welche für beide Geschlechter problematisch ist. Kids gehören deshalb in Bezug auf ihre geschlechtsspezifischen Entwicklungswege gefordert aber auch gefördert – soll heißen die Stärken (Talente und life skills) einzelner müssen gefordert werden, was letztlich der ganzen Gemeinschaft nützt – die Schwächen (Defizite in life skills) einzelner müssen durch Förderung überwunden werden, davon profitiert ebenso die Gemeinschaft.

Mädchen stärken, Burschen fördern! Der Ansatz "Fordern und Fördern" verlangt, dass immer wieder ganz bewusst geschlechtsspezifische Freiräume geschaffen werden, in denen Mädchen und Burschen in geschützten Räumen ihren Interessen nachgehen können. Insbesondere kann es nötig sein, Mädchen zu unterstützen diese Räume zuerst einmal für sich zu erobern (da Burschen tendenziell die besten Plätze schon besetzt haben). Daraus folgt für gemischtgeschlechtliche Patrullen, dass die Kids Phasen brauchen, in denen Mädchen und Burschen unter sich sein können. Für single-sex Patrullen sind hingegen bewusst geplante Begegnungen mit dem anderen Geschlecht förderlich, um ihren Erfahrungshorizont zu bereichern.

Rollen bewusst kritisch hinterfragen! Das Geschlecht ist sozial konstruiert. Die kritische Eigenreflexion (der Erwachsenen!) der eigenen Identität und Geschlechtsrolle und des dazugehörigen sozialen Umfelds ist der erste Schritt zu einem Genderbewusstsein bei den jungen Jugendlichen. Denn Kids lernen vor allem vom Vorbild. Deshalb ist es notwendig, dass Mädchen und Jungs Bezugspersonen und damit (Rollen-)Vorbilder beiderlei Geschlechts haben.

Vermutlich lassen diese Gedanken viele Fragen offen und das ist gut so. Die Diskussion hat gerade erst begonnen. Was denkst du dazu?