Die Entwicklungsaufgaben der Guides und Späher
Am Ende der Volksschulzeit haben Kinder einen ersten wichtigen Gipfel in ihrem Leben erreicht. Selbstbewusst und sorgenfrei stehen sie dort, voller Vertrauen in die Kraft und Verlässlichkeit des eigenen Körpers. Sie setzen sich gerne sportliche Ziele, in denen sie Ausdauer und Koordination testen. Diese Lust an der Bewegung bildet zugleich die Grundlage für die Entwicklung von Freundschaften. Diese bestehen hauptsächlich darin, dass man etwas zusammen unternimmt.
Was haben 10-jährige gelernt?
- Die grundlegenden Kulturtechniken, wie Lesen, Schreiben und Rechnen.
- Einfaches Wissen über die Welt, einfache Erklärungskonzepte und Denkschemata.
- Sie wissen, es gibt Gut und Böse, und sie kennen den Unterschied. Darüber hinaus verinnerlichen sie Moral und Wertorientierungen die stark Regelgebunden sind (bspw. die Zehn Gebote). Spielregeln sind in diesem Alter fix, fast heilig, und werden nicht in Frage gestellt.
- Allmählich lernen sie den ehemals überlebenswichtigen Egoismus zu überwinden, indem sie in der Großgruppe erste Schritte zur sozialen Kooperation machen.
Definition Entwicklungsaufgabe
Diese "Lernerfolge" bezeichnet nun die Wissenschaft als Entwicklungsaufgaben. Eine Entwicklungsaufgabe ist ein von der Gesellschaft oder von der Altersgruppe selbst auferlegtes Lernfeld (also eine konkrete Fertigkeit oder Kompetenz), das zur Bewältigung von realen Anforderungen in verschiedenen Bereichen des Lebens notwendig ist. Entwicklungsaufgaben sind psychisch und sozial vorgegebene Erwartungen und Anforderungen, die an eine Person in einem bestimmten Lebensabschnitt gestellt werden.
Das heißt, für jedes Individuum in einem bestimmten Alter gibt es vorgegebene Entwicklungsschritte, denen es sich stellen muss. Manche Entwicklungsaufgaben liegen in der Natur des Menschen, andere sind Erwartungen der Gesellschaft an die Heranwachsenden. Entwicklungsaufgaben sind in gewisser Hinsicht also aufeinander aufbauende Meilensteine der individuellen Persönlichkeitsentwicklung.
Die PfadfinderInnenbewegung will erziehen. Das heißt konkret, Kinder und Jugendliche zu unterstützen die jeweils anstehenden Entwicklungsaufgaben zu meistern. Da aber nun Entwicklungsaufgaben dem sozialen Wandel unterliegen, muss auch das pädagogische Konzept von Zeit zu Zeit angepasst werden. Welchen Entwicklungsaufgaben sehen sich nun unsere GuSp gegenüber?
Junge Jugendliche (9 bis 13 Jahre)
Für GuSp bestehen Freundschaften hauptsächlich darin, dass man etwas zusammen unternimmt. Freundschaften erfüllen aber auch das wichtige Bedürfnis nach Unabhängigkeit der Kids. So suchen sie Räume, wo Erwachsene/Eltern nichts zu suchen haben. Das markiert die beginnende Loslösung von den Eltern.
Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, gar Teil eines erfolgreichen Teams zu sein, ist den Kids sehr wichtig. In der Gleichaltrigengruppe (Peergroup) entdecken sie einerseits neue individuelle Fähigkeiten und Einsichten, andererseits beeinflussen die Gruppenerwartungen die Kids auch massiv. Die Gruppen entwickeln ihre eigenen Regeln, Statusymbole - jeder weiß welche Klamotten "in" oder absolut peinlich sind.
In der Schule wird den Kids stärker bewusst, wo sie im Verhältnis zu den anderen stehen, sie werden mit ihren Schwächen konfrontiert, aber auch von ihren eigenen Fortschritten überrascht. Sie kennen ihren Platz in der Hackordnung und den Platz aller anderen. Ebenso erkennen sie soziale Unterschiede - wie damit umgehen, bleibt jedoch ein Problem.
Entwicklung erkennen
Überhaupt festigen sich individuelle Verhaltensmuster und machen die Kids zu dem, was sie sind. Eine neue Entwicklung bei Elfjährigen ist aber, dass sie anfangen dies zu entdecken und zu erkennen. Sie sind nicht nur fähig über sich selbst nachzudenken und ihre Individualität und spezifischen Fähigkeiten zu erkennen, vielmehr nehmen sie diese auch bei anderen wahr. Gerade die Gleichaltrigengruppe bietet einen intensiven Übungsraum sich selbst zu entdecken, sich aus eigenem Antrieb zu behaupten, sich klar zu werden was man will und woran man noch arbeiten muss. Ist das, was mich interessiert, auch das, was in der Gruppe oder in der Familie Interesse findet, oder fällt es aus dem Rahmen? So bilden sich nicht nur Interessen aus sondern auch Peergroup-spezifische Vorstellungen darüber, wie man sich zu verhalten hat.
Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung des Identitätsgefühls ist das Selbstverständnis ein Junge oder ein Mädchen zu sein. Noch sind die von den Eltern vermittelten Verhaltensmuster sehr prägend für die Ausformung der altersspezifischen Rollenzuschreibungen. Doch unbewusst sammeln die Kids in dieser Entwicklungsphase ihre Erinnerungen und fügen sie zusammen, um daraus ihre eigene Vorstellung zu formen von dem Mann oder der Frau, die sie einmal sein werden. Mit dem Eintritt in die Pubertät wird auch Sexualität ein Thema. Allerdings, die Kids haben Sexualität und das andere Geschlecht mehr im Kopf als in der Realität ausgelebt.
Grenzen ausloten
Mit der Loslösung von Kindheitsidentifikationen finden die Kids nicht nur in der Gleichaltrigengruppe Orientierung und Vorbilder, sondern auch einen neuen Freiraum, der ihrem Bedürfnis entgegenkommt Grenzen und Risiken auszuloten. Steter Drang nach Unabhängigkeit und die Selbstwahrnehmung auf sich selbst aufpassen zu können prallen manchmal sprichwörtlich mit der Realität zusammen. Trotzdem erscheint es gerade im Hinblick auf die Jugendphase wichtig zu sein, dass sich Kids potentiellen Risikosituationen stellen und eine Widerstandskraft gegen die "Verführungen" aufbauen.
Widersprüche und Gefahren werden zwar von den Kids gesehen, ihnen fehlen gleichzeitig aber die Fähigkeiten, diese Probleme zu lösen. Darin gründet sich das Hauptrisiko dieser Altersgruppe: Heute können Kids viel mehr tun, als sie bewältigen können. Dennoch müssen sie gerade in diesem Alter lernen, mit den Risiken dieser früheren soziokulturellen und emotionalen Verselbständigung der Entscheidungen klar zu kommen. Die Rolle der Eltern und Erwachsenen ist es, den Kids einerseits Freiräume zuzugestehen wo sie in der Lage sind reife Entscheidungen zu treffen, andererseits aber einzugreifen und Grenzen zu ziehen, wo Kids nicht zu reifen Entscheidungen fähig sind.
Die Entwicklungsaufgaben der Guides und Späher
- Selbstständige Gestaltung von sozialen Kontakten innerhalb der Peergroup,
- wo auch erste Schritte in der Gestaltung von Beziehungen zum Gegengeschlecht gemacht werden (Geschlechterrollen),
- Bewältigung von Risikosituationen
- und Identitätsbildung.
Literaturtipps:
- Pfadfinder und Pfadfinderinnen Österreichs (2005) EVi - Evaluierung der Guides/Späher-Stufe , Wien, Kapitel 1.3.4 (S. 22f) und Kapitel 1.6.3 (S. 54f).
- Bradley, J. Orford, E. (1999) Versteh dein Schulkind, Beltz Verlag, Basel.

