100 Jahre PPÖ - Warum wir lieber vor- anstelle rückblicken sollten
Als ich bemerkte, dass mein "Heute" ein "Gestern" war ...
1984, Gründungsjahr meiner Heimatgruppe. Ich war seinerzeit Wölfling. Was ich in den nächsten 10 Jahren mit-gemacht habe, hat wesentlich mein Bild der Pfadfinderbewegung geprägt.
1995, Jahr meines Ausbildungskurses 1 (in etwa das heutige Grundlagenseminar). "Die Idee von Brownsea muss ins Heute übersetzt werden" wurde mir gesagt. Eifrig lese ich in den ausgeteilten Seminarunterlagen entwicklungspsychologische Hintergründe. Die verwendeten Quellen stammen aus den frühen 1980er Jahren.
2006, ich bin seit 22 Jahren Pfadfinder und mitverantwortlich für die umfassendste Durchleuchtung und wahrscheinlich auch Erneuerung der Guides/Späher-Stufe seit einem Vierteljahrhundert.
"Die Idee von Brownsea muss ins Heute übersetzt werden". Was ist mein "Heute"? 2006 oder vielleicht nicht doch 1995 oder noch früher? Wie sich Pfadfindersein anspürt, habe ich vor 20 Jahren das erste Mal so richtig erlebt. Werkzeuge (die 10 Jahre davor erstmals beschrieben wurden), wie ich jungen Menschen dabei helfen kann, ihren eigenen Weg zu gehen, habe ich vor 10 Jahren erhalten. Erlebte Praxis, gelernte Theorie – was brauchte ich mehr um ein guter Leiter zu sein?
Der Lauf der Zeit hat mich viele nötige Eigenschaften gelehrt: Einfühlungsvermögen, Aufgeschlossenheit, Kreativität, Mut, ... und die Erkenntnis: Mein "Heute" von 1995 war damals schon ein "Gestern". Häufig strapaziert ist das Herausstreichen des zweiten Teils beim Wort Pfadfinderbewegung; verbunden mit Schlagworten wie kein Stillstand, ständiges Anpassen der Methoden oder zeitgemäßer Auftritt. Das alles ist die Aufgabe von Landes- und Bundesteams. Als Dienstleister der und für die PPÖ sorgen die Landes- und Bundesbeauftragten der Guides/Späher dafür, dass das pädagogische Stufenkonzept Schritt halten kann mit dem "Heute" von 2006+. Es geht hier um das Gestalten der Zukunft und nicht um das Verwalten des selbst erlebten "Gesterns". Für mich heißt es aber und vor allem auch, mit seinem eigenen Denken in Bewegung zu bleiben. Und das fällt in die persönliche Verantwortung jeder einzelnen Leiterin, jedes einzelnen Leiters – für eine Pfadfinderin, einen Pfadfinder eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Unterstützung bieten hier die Ausbildungsveranstaltungen von der Regelausbildung bis hin zu Spezialseminaren. Die "Übersetzung" neuer wissenschaftlicher Ansätze und die Erschließung für die Praxis erfolgt dabei durch engagierte Seminarteams.
Schließlich ist die Bereitschaft zur ständigen Weiterbildung, zum Ausloten der eigenen Position und den eigenen Einstellungen, eine Schuld die wir als LeiterInnen gegenüber den uns anvertrauten Jugendlichen haben. Die Pfadfinderidee bietet ihnen, was ansonsten rar ist: einen Gesamtentwurf fürs Leben. Unsere Aufgabe ist es, sie bei ihrem Erwachsenwerden zu begleiten. Dieses Erwachsenwerden findet heute statt – und nicht 1987 als ich selbst ein Späher war. 2006 ist anders, Lebenswelten verändern sich, und damit auch die Anforderungen an unsere Konzepte und Methoden. Diese will ich lernen.

