Interviews mit Zeitzeugen
Interview mit Rudi Göttlicher - Pfadfinder vor 1938
Rudi Göttlicher wurde am 2. September 1925 in Wien geboren, im Jahr 1934 ist er zur Pfadfindergruppe Schotten (16 B) in Wien gekommen, er war bis 1937 Wölfling und dann bis zum März 1938 Pfadfinder.
Wie hast du 1934 den Weg zu den Pfadfindern gefunden?
Mein Vater war seinerzeit am Wildpretmarkt bei der Krankenkasse beschäftigt und vis-à-vis war das Café Köpf und die Besitzerin des Kaffeehauses hat immer zu meiner Mutter gesagt, da gibt es eine Pfadfindergruppe und da soll sie mich doch zu den Pfadfindern bringen. Und 1934 hat mich dann meine Mutter zur Wölflingsführerin, der Frau Bromberger, gebracht und so hat es bei mir mit den Pfadfindern angefangen.
Was habt ihr damals bei den Pfadfindern gemacht?
Also, ich war damals Wölfling und noch nicht Pfadfinder, denn das wurde man erst später. Wir haben immer lustige Spiele gemacht und die Frau Bromberger hat uns aus dem Dschungelbuch vorgelesen. Die Geschichte mit Mogli, der Schlange Ka und den Affen, das waren immer sehr liebe Heimabende. Ich war ein Einzelkind und bin sehr an meiner Mutter gehangen und trotzdem bin ich immer bei den Ausflügen dabei gewesen. Es waren bescheidene Ausflüge, wir sind mit der Straßenbahn, dem 43er, gefahren und haben kleine Wanderungen gemacht. Nur 1936 beim Jamboree in Laxenburg, da war ich als Wölfling dabei. Die Pfadfinder haben damals in den Zelten gewohnt und wir Wölflinge waren im Haus untergebracht und das habe ich eigentlich bedauert, denn ich hätte auch gerne im Zelt gewohnt.
Du bist dann 1937 zur Altersstufe der Pfadfinder gewechselt, hat sich da vieles verändert für dich?
Wir haben uns mehr mit der Natur beschäftigt, Landkarten lesen können, Knoten beherrschen und eine bessere Orientierung in der Natur anhand vom Moos an den Bäumen. Dadurch bin ich eigentlich ein naturverbundener Mensch geworden. Ich war kein Spitzenkönner, aber es hat einfach Spaß gemacht dabei zu sein.
Was hat dich in dieser Zeit bei den Pfadfindern geprägt?
Das Persönliche hat mich geprägt. Insbesondere der Wahlspruch "Jeden Tag eine gute Tat" und "Allzeit bereit", das habe ich mein Leben lang gemacht und auch noch heute. Wenn jemand von mir etwas haben will, dann werfe ich mein Tagesprogramm um, um jemanden zu helfen.
Hast du dir damals als Zwölfjähriger Gedanken über die politische Situation gemacht?
Eigentlich nicht, ich habe nur die Eltern über Politik reden hören, wenn wir Besuch hatten, aber sonst hat mich das nicht beschäftigt und ich habe auch nicht gedacht, dass sich irgendetwas ändern würde. Die Politik hat mich damals nicht interessiert und wahrscheinlich sind die heutigen Zwölfjährigen auch nicht sonderlich daran interessiert.
Kannst du dich noch an die Märztage 1938 erinnern?
An den 11. März 1938 kann ich mich erinnern, es war ein Freitag. Wir, meine Eltern und ich, sind damals ins Theater gegangen ins Bürgertheater auf einen Stehplatz, weil es finanziell nicht anders möglich war. Nach dem Theater sind wir dann quer durch die Stadt in den 8. Bezirk gegangen, wo wir damals gewohnt haben. Im Bereich der Kärntnerstraße und Hofburg waren bereits Menschenmassen unterwegs und wir sind dann Richtung Ballhausplatz gekommen sind, da hat mein Vater gesagt: "Wir müssen da dringend durch, denn mein Sohn hat am nächsten Schule und er muss schlafen gehen." Der Polizist hat dann gemeint, dass am nächsten Tag, also am Samstag ganz bestimmt schulfrei ist. Und der Polizist hat bereits das Hakenkreuz als Armbinde gehabt, das haben damals dann plötzlich viele getragen. Und es war dann wirklich so.
Wann hat dann der nächste Pfadfinderheimabend stattgefunden?
Nach dem 12. März hat es keinen Pfadfinderheimabend mehr gegeben. In der darauffolgenden Woche bin ich zum Heimabend gegangen und es war zugesperrt und dann bin ich wieder nach hause gegangen. So war das dann auch in der nächsten Woche und ich habe mir gedacht "warum sind die nicht da?" Somit hat sich die Pfadfinderei schlagartig aufgehört. Danach haben wir bereits die Weisung bekommen, dass wir zur HJ gehen müssen und somit bin ich notgedrungen zur Hitlerjugend gegangen.
Was waren für dich die Unterschiede zwischen den Pfadfindern und der HJ?
Die Pfadfinderei hat mich geprägt, denn die nachfolgende Zeit bei der HJ war manchmal ähnlich wie bei den Pfadfindern, aber wir wurden eben immer gezwungen hinzugehen. Es ist eben viel strenger gewesen und es war nicht immer lustig. Ich habe dann die Heimstunden bei der HJ mehr geschwänzt, weil ich irgendwie ein Antisoldat war. Die vier Jahre bei den Pfadfindern haben mir mehr Spaß gemacht, weil ich doch ein Einzelkind war und die Gemeinschaft zu erleben war dabei etwas Besonderes. Bei der HJ waren Burschen, die vielleicht zwei bis drei Jahre älter waren und sich als Führer aufgespielt haben. Nach zwei bis drei Jahren wurde die HJ immer militanten, wir mussten sehr viel Sport betreiben und Wettkämpfe absolvieren. Es ging schon eher in die Richtung der Wehrertüchtigung, Kartenlesen, Verständnis der militärischen Organisationen der SA und SS und es ist eher politisch gesprochen worden.
Sind Dinge, die du von den Pfadfindern gekannt hast, von der HJ imitiert worden?
Es kann schon sein, damit sie die Jugendlichen mitreißen, aber es ist wie eine Schere auseinander gegangen. Die Pfadfinder haben versucht die Kinder zu Menschen zu erziehen. Die Hitlerjugend wiederum hatte vormilitärische Aspekte gehabt, weil wenn man danach zum Heer einrücken musste, so konnte man schon Vorkenntnisse im Militärwesen mitbringen.
Hast du jemals nach dem Anschluss 1938 nachgefragt, wo deine Pfadfindergruppe ist?
Da habe ich niemanden fragen können. Irgendwie hat es geheißen, die Pfadfinder gibt es nicht mehr, wie als hätte man sie in Luft aufgelöst. Außerdem wurde man von der HJ vereinnahmt.
Wie war dann deine Zeit von 1938 bis 1945?
Ich bin dann Lehrling bei der DDSG (Donaudampfschifffahrtsgesellschaft) geworden und die Ausbildung war exzellent. Vom Lohnwesen, über das Magazin bis zum Einkauf habe ich alles durchlaufen. Die DDSG war damals ein kriegswichtiger Betrieb und viele Leute wurden "uk" (Anm. d. Red.: unabkömmlich) gestellt, obwohl die Leute in einem gewissen Alter waren, dass sie an die Front hätten einrücken können. In dieser Zeit musste ich ins Wehrertüchtigungslager im Winter ´43 und habe dort eine vormilitärische Ausbildung machen müssen. Von Schießübungen über Kartenlesen und Morgenappell und im August 1943 musste ich dann einrücken. Von da an war ich bis zu Kriegsende in Österreich und später in Belgrad im Kriegsdienst.
Wie hast du das Ende des Krieges erlebt?
Schließlich war ich dann in Kärnten und unsere Einheit war in einem Bauernhof untergebracht und wir mussten alle Akten vernichten. Ich war der Heizer und so sind alle Unterlagen verbrannt worden. Die anderen haben die Briefordner ins Feuer geworfen und die Stahlstempel mit dem Wehrmachtzeichen mussten wir auch ungültig machen, bis man diese nicht mehr verwenden konnte. Nach diesen Tätigkeiten sind wir in Gefangenschaft gekommen nach Tamsweg zuerst zu den Engländern und dann zu den Amerikanern, weiter ging es dann nach Lienz. Es war ein ziemlich ein bewegtes Leben und dann bin ich wieder zu den Amerikanern geflüchtet, die mich dann im August 1945 entlassen haben. Schließlich bin ich nach hause gekommen, nach monatelangen Irrwegen durch Österreich, ich wusste nicht, ob meine Eltern noch leben, mein Vater war in Frankreich eingesetzt und wie ich dann am 10. August nach hause gekommen bin, war meine Mutter noch am Leben, aber mein Vater war in Frankreich in Gefangenschaft. Er ist dann erst im April ´46 zurück gekommen.
Hast du nach 1945 wieder Kontakt mit den Pfadfindern gefunden?
Nach der Gefangenschaft war ich schwer krank und wäre fast gestorben. Und erst Ende 1946 war ich wieder halbwegs beisammen und bin wieder zur DDSG gekommen, die unter russischer Verwaltung war. Ich habe dann meine zukünftige Frau in der Tanzschule kennengelernt, aber zu den Pfadfindern bin ich dann nicht gekommen, weil ein komplett anderer Lebensabschnitt begonnen hat. Wir haben dann Kinder bekommen und ich habe meinen Kindern immer von meiner Pfadfinderzeit erzählt, aber irgendwie bin ich dann nie wieder auf die Idee gekommen meine Kinder zu den Pfadfindern zu schicken, ich hatte überhaupt keinen Kontakt mehr zu Pfadfindern gehabt. Erst 2001 habe ich dann durch Zufall bei den Schottensenioren die Pfadfinderjugend getroffen und der damalige Pfadfinderführer Philipp Pertl, der mit dabei war, dem habe ich erzählt, dass ich bei den Pfadfindern in seiner Pfadfindergruppe war. Und seitdem habe ich, Gott sei Dank, wieder Kontakt mit den Pfadfindern gefunden und trage mit viel Freude mein Halstuch.
Du bist jetzt bei der Pfadfindergilde aktiv dabei, wie erlebst du die Pfadfinderbewegung von heute?
Der Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen macht einen jung. Innerlich bin ich weiterhin den jungen Leuten sehr verbunden und es macht Spaß mit dabei zu sein. Die Pfadfinder zeigen sich mir von einer sehr fröhlichen Seite und es ist eine unglaublich soziale Gemeinschaft. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich eigentlich viel versäumt habe, dadurch, dass die Pfadfinder ab 1938 nicht mehr existiert haben.
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Interview mit Walter Weissenstein - Pfadfinder vor 1938
Walter Weissenstein wurde am 18. März 1920 in Wien geboren, seit der Gründung der Pfadfindergruppe Mauer (Gr. 60) 1932 bei den Pfadfindern dabei, ab 1937 Pfadfinderführer bis 1938, und ab 1945 im Aufbau der Pfadfinder Tirols tätig und ab 1946 im Wiederaufbau der Pfadfindergruppe Mauer und von 1962 bis 1968 Bundesleiter der Pfadfinder Österreichs und er ist bis heute Pfadfinder.
Wie hast du 1932 den Weg zu den Pfadfindern gefunden?
Im Alter von 12 Jahren hat es bei uns im Bezirk keine Jugendbewegung gegeben, aber dann wurde uns Kindern in der Pfarre Mauer die Pfadfinderei vorgestellt, als neue Jugendbewegung und so wurde uns gezeigt, wie man seine Freizeit sinnvoll nützen kann und so bin ich zu den Pfadfindern gekommen. Wir hatten einen engagierten Kaplan in Mauer und der hat die Entstehung dieser Pfadfindergruppe sehr gefördert. Wir waren eine Gruppe Gleichaltriger, die zu den Pfadfindern gekommen ist und laufend sind neue Buben dazugekommen.
Wie war deine Zeit als Pfadfinder von 1932 bis 1938? Was habt ihr unternommen?
Eigentlich das normale Pfadfinderleben, Heimabende, Spiele, Ausflüge, Wochenendlager, Sommerlager. Ganz bescheiden eigentlich, weil wir unser Sommerlager circa zwei Kilometer von daheim abgehalten haben, da würden sich heute einige auf den Kopf greifen und sagen: "Das gibt´s doch nicht!", aber wir waren froh, weil wir in der Natur waren. Egal, ob das zwei oder zwanzig oder zweihundert Kilometer waren. Ich bin dankbar, dass ich dabei sein konnte, wie die Gruppe größer geworden ist. Am Anfang haben unsere Pfadfinderführer das pfadfinderische Programm aus dem Ärmel geschüttelt, da war ein Schlossermeister, der mit uns Programm gemacht hat. Bis 1936 ist die Gruppe nicht besonders gewachsen, aber 1934 ist ein Kaplan gekommen, der selbst begeisterter Pfadfinderführer war und der hat die Gruppe wieder in Schwung gebracht und mir sowie anderen die Begeisterung für die Pfadfinder mitgegeben. Bis heute bin ich ihm zu Dank verpflichtet, denn wäre er nicht gewesen, dann hätte ich nur zwei Jahre bei den Pfadfindern verbracht und hätte es danach abgehackt.
Ab 1933 hat sich die politische Situation auch in Österreich weiterhin verändert, die HJ hat sich langsam auch in Österreich immer stärker etabliert und existierte vor allem illegal. Welche Erinnerung hast du an diese Zeit?
Ab 1937 ist mir ein Bursche in unserer Pfadfindergruppe aufgefallen, der war der jüngere Bruder eines Pfadfinderfreundes, der hat so gewirkt, als ob er ein Illegaler der HJ beziehungsweise Nazis wäre. Ihm wurde von unserem Gruppenführer nahegelegt die Pfadfindergruppe zu verlassen. In unserem Gruppenlogbuch, das seit 1932 geführt wird und von 1938 bis 1945 keinen Eintrag bekommen hat, ist minutiös vom damaligen Pfadfindergruppenführer alles, noch in Kurrentschrift eingetragen worden. Er hat damals zu diesem Vorfall folgendes geschrieben: "... dem Jüngeren von zwei Brüdern wurde nahegelegt auszutreten ..." Eigentlich eine sehr vorsichtige Formulierung, denn heute müsste man sagen, dass man ihn hinausgeworfen hat, weil man ein halbes Jahr vor dem Anschluss gemerkt hat, dass er ein illegaler Nazi war. Im Februar ´38, es war glaube ich ein Tagesausflug, erlebten wir, dass es in unmittelbarer Nähe zu unserem Ausflugsziel eine Gruppe gab, die gesungen hat. Uns war sofort klar, dass das eine HJ-Gruppierung sein musste und wir sind natürlich sehr mutig und vaterlandstreu, wie wir es von unserer Erziehung her waren, so zur Gendarmerie gegangen und haben das angezeigt. Aufgrund der Inhalte der Lieder haben wir vermutet, dass das Nazis sein müssen. Wie dann knapp vier Wochen später der Anschluss war, haben wir einigermaßen Angst gehabt, dass dieses Protokoll irgendwo auftaucht und vielleicht die Urheber gesucht werden und wir mit irgendwelchen Sanktionen rechnen müssen. Jedoch, zu unserem Glück ist nichts geschehen.
Wie hast du die Märztage 1938 erlebt und wie war die Situation in deiner Pfadfindergruppe? Du warst damals gerade 17 Jahre alt.
Wir waren damals an der politischen Situation höchst interessiert. Im Februar war Schuschnigg bei Hitler und hat dann Anfang März der Bundeskanzler (Anm. d. Red.: Schuschnigg) die Volksbefragung angekündigt. Meine Freunde und ich sind damals, nicht mit den Pfadfindern, sondern mit Freunden, für diese Volksbefragung plakatieren gegangen. Es war Freitag, der 11. März 1938 und wir kamen gerade wieder zurück in unser Grätzel. Die Volksbefragung hätte damals eine wichtige Entscheidung sein sollen. Die Frage war, sind wir für ein freies Österreich. Wir kommen also um circa 21.30 Uhr zurück ins Pfarrhaus, von wo aus wir gestartet sind, wir sehen ganz betretene Gesichter, denn die Volksbefragung wurde abgesagt und Schuschnigg hat sich verabschiedet mit den bekannten Worten: "...Gott schütze Österreich!". Wir waren entsetzt, weil wir geahnt haben, welche Folgen das haben wird. Dass Österreich damit sicher aufhören wird zu existieren, denn das war eine Alternative und am nächsten Tag haben wir dann die Flieger erlebt, keine Schule mehr. Und wir sind der Jahrgang, der die Matura nur schriftlich absolviert hat, da ich damals nur die schriftliche Matura gemacht habe und es gab wochenlang keine weitere Schule für uns und so haben wir die Matura nie mündlich abgelegt.
Du warst damals Pfadfinderführer, hat also der nächste Heimabend nach dem Anschluss stattgefunden?
Nein, es hat nie wieder ein Heimabend stattgefunden. Das Heim war im Pfarrhaus und jeder hat gewusst, dass wir observiert werden auf Schritt und Tritt. Wir haben gemerkt, dass Menschen auf der Straße auf und ab gehen, um uns zu beobachten. Mauer war ein Randbezirk und das Observieren war viel leichter, außerdem hat jeder jeden gekannt und es wurde sofort von den Illegalen das Pfadfinderheim geplündert und das Material weggetragen. Somit hat unsere Pfadfindergruppe sehr viel verloren, jedoch das Logbuch hat die Zeit überlebt, da es damals zufällig bei mir zu hause war und somit niemand dieses wertvolle Zeitzeugnis vernichten konnte. Die Gruppenfahne ist damals auch verschwunden und nie wieder aufgetaucht.
Wer ist damals in das Pfadfinderheim eingedrungen und hat geplündert?
Es waren Leute aus der Gestapo, Hitlerjugend, Parteileute und andere. Man hat niemanden davon abhalten können, da man Angst hatte, dass man dann eingesperrt wird. Das waren die neuen Machthaber und die haben die Möglichkeit und Gewalt eingesetzt, sodass eine Gegenwehr schwer möglich war.
Wie habt ihr erfahren, dass die Pfadfinder verboten waren? Offiziell wurden die Pfadfinder am 16. März 1938 verboten.
Das weiß ich nicht mehr, aber unser Kaplan war gut informiert und hat uns das auch mitgeteilt, glaube ich. Außerdem hat jeder gewusst, dass es jetzt vorbei ist, weil die Pfadfinder immer bekämpft wurden und die Ideologie den Nazis nicht gepasst hat. Niemand wollte sich und andere in Gefahr bringen.
Wie hast du dich in den Märztagen gefühlt?
Es ist eine Welt zusammengebrochen und die Ahnung, dass wir jetzt in Deutschland integriert sind mit allen Folgen, das war einfach ein Zusammenbruch einer Idee. Jeder war betrübt über diesen Zustand. Wie geht es weiter, ein großes Fragezeichen? Es war eine Art von Frustration.
Wie hast du damals den Unterschied zwischen Pfadfindern und der HJ gesehen?
Die Pfadfinder haben die Jugendlichen zu selbsthandelnden und eigenständigen Menschen erziehen wollen und die Idee "Führer befiehl, wir folgen", das war der typische Grundgedanke der Nationalsozialisten. Jeder tut das, was ihm angeschafft wird und das war genau gegen die Pfadfindererziehung, wo die Kleingruppen bei den Pfadfindern bereits zu selbständigen Gruppen erzogen haben und natürlich war auch das Pendant der vaterländischen Front eine sehr hierarchisch organisierte Gruppierung. Dass auch Sozialdemokraten verfolgt wurden, das haben wir nie gehört, das wurde sicherlich einseitig berichtet und wir waren als Pfadfinder froh, dass wir nirgendwo eingegliedert wurden, sondern sehr frei bis März 1938 agieren konnten.
Nach dem Anschluss hast du dich noch auf die Matura vorbereitet, wie ist es da für dich weitergegangen?
Wir hatten eigentlich keine Schule mehr, wir haben uns nur noch sehr sporadisch in der Schule zu den Vorbereitungen zur schriftlichen Matura getroffen und dann ist es noch irgendwann zu einer Hausdurchsuchung bei mir zu hause gekommen, wo mein Pfadfindermesser konfisziert wurde, aber das Logbuch haben sie nicht gefunden. Danach waren wir froh, dass wir nicht mehr belästigt und aufgesucht worden waren. Dann war ich zwei Jahre beim Militär, danach bin ich in ein Baubüro gekommen und wurde sogar "uk" gestellt. (Anm. d. Red.: uk = unabkömmlich) Im Jahre 1944 war ich dann in Aussee tätig, um einen Bunker zu bauen und dann kamen unsere Vorgesetzten und meinten: "Morgen holen sie euch zum Volkssturm!" Da haben wir gesagt, dass wir noch in der Nacht verschwinden und so sind wir nach Innsbruck geflohen.
Wie hast du dann die Befreiung durch die Alliierten erlebt?
In Innsbruck haben wir dann fast ein Jahr verbracht bis April 1945, dort haben wir noch eine große Feier in der Stadt erlebt, zu Führers Geburtstag in der Maria Theresienstraße. Zu einer Zeit, als in Wien schon die Russen waren, da haben die Nationalsozialisten noch Hitler gefeiert und am 3. Mai sind dann die Amerikaner gekommen. Anfang Juli wurde dann am "Independent Day" eine große Feier in Innsbruck veranstaltet, diesmal von den Amerikanern, und da habe ich mich erkundigt, ob es irgendwo Pfadfinder gibt und so bin ich mit Tiroler Pfadfindern zusammengekommen. Schließlich bin ich mit der Landesleitung der Pfadfinder in Tirol in Kontakt gekommen und habe dann als Pfadfinderführer mitgeholfen die Pfadfinderbewegung neu zu etablieren.
Wann bist du wieder nach Wien gekommen?
Im Jahr 1946 bin ich dann wieder zurück nach Wien gewechselt und habe dort die Pfadfindergruppe Mauer wieder gegründet. Die Alten, die 1938 jung waren, haben noch zum Teil gelebt, die sind wieder gekommen und so haben wir mit den Heimabenden für die Wölflinge und Pfadfinder begonnen. Es sind sehr rasch wieder Kinder und Jugendliche zu unserer Gruppe dazugekommen und die Gruppe ist eigentlich sehr flott wieder gewachsen.
Ein besonderes Highlight der Pfadfinderbewegung war sicherlich das internationale Pfadfinderlager Jamboree in Bad Ischl 1951. War das eine Genugtuung für dich, dass die Pfadfinderbewegung die Verbotszeit überdauert hat und die idealistische Idee nicht ausgerottet werden konnte?
An die Zeit vor ´45 hat niemand mehr gedacht. Ab 1948 war ich in der Bundesleitung tätig und ich kann mich noch erinnern, wie uns 1949 mitgeteilt wurde, dass Österreich den Zuschlag bekommen hat, das Jamboree zu organisieren. Wir waren entsetzt, denn wir hatten nach diesem furchtbaren Krieg nicht sehr viel in Österreich, unter diesen Umständen ein internationales Pfadfinderlager, zu dem Tausende aus unzähligen Ländern kommen, zu organisieren, das war für uns unvorstellbar. Dank der großartigen Unterstützung der Amerikaner konnten wir das "Jamboree der Einfachheit", so ist es in die Pfadfindergeschichte eingegangen, auf die Beine stellen. Echt einfach, echt schlicht, aber voll Begeisterung. Niemand hat mehr an die schlimme Zeit gedacht. Es war eine mutige Entscheidung des Weltverbandes der Pfadfinder uns Österreichischen Pfadfindern es zuzutrauen, dass wir ein solches Lager organisieren können. Trotz Schlechtwetters hat das Lager, das dann aufgrund der starken Regenfälle als "Schlammboree" statt "Jamboree" bezeichnet wurde, einen unglaublichen positiven Effekt gehabt. Vom Gewinn des Jamborees haben wir das BZW Wassergspreng gekauft, das wir noch heute besitzen. Danach hat die Pfadfinderei in Österreich einen enormen Aufschwung gehabt.
Wie hat das Erleben 1938 dein Leben geprägt?
In Beantwortung dieser Frage muss ich sagen, dass ein Achtzehnjähriger heute etwas ganz anderes ist als ein Achtzehnjähriger vor 70 Jahren. Natürlich hat der Gedanke an Österreich und ein in Freiheit leben in der Zeit 1938 bis 1945 geprägt, umso mehr, als ich dann erleben musste bei der deutschen Wehrmacht, wie der freie Wille und das persönliche Entscheiden unterdrückt wird und man zu einem Gehorsam gezwungen wurde. Ich habe immer gehofft, dass dieser Spuk einmal ein Ende nimmt und war sehr froh, wie 1945 die Befreiung kam, von der man heute sagt, dass es keine Befreiung war, sondern wieder eine Knechtschaft. Nur ist es ein Missverstehen, damals haben wir gewusst, auch wenn die Besatzung lange andauern sollte, so wird auch die ein Ende nehmen und umso schöner war 1955 die wirkliche Freiheit wieder zu erleben.
Was würdest du den Jugendlichen von heute, auf Grund deiner Erfahrungen von damals, als Botschaft mitgeben?
Vor allem würde ich den Pfadfindern sagen, dass sie das was die Pfadfinderidee beinhaltet immer beherzigen sollen und als freie selbständige Menschen immer bemüht sein sollen, sich ordentlich zu verhalten. Sie sollen soweit es geht auf andere Rücksicht nehmen, eine Sache, die leider heute nicht ganz selbstverständlich ist. Und sie sollen helfen, dort wo Not herrscht, egal ob es um Menschen geht, die anderer Religion und Hautfarbe sind, oder in anderen Ländern leben. Das Besondere ist der Mensch an sich und jeder hat die Aufgabe auf andere mit einem hilfsbereiten Lächeln zuzugehen.
Interview mit Walter Weissenstein als Portable Document Format (.pdf)
Pfadfinderausweis von Walter Weissenstein (Portable Document Format/.pdf)
Die Interviews mit Rudi Göttlicher und Walter Weissenstein wurden im Februar 2008 geführt von Philipp Pertl, Bundespressesprecher der Pfadfinder & Pfadfinderinnen Österreichs.
Für weitere Informationen steht unser Pressesprecher gerne zur Verfügung:
Philipp Pertl - +43 676 5402774 oder presse@pfadfinder.at
